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Wintersingen

Wintersingen ist ein Rebdorf mit einer seltenen Winkelhakenkirche, historischen Bauernhäusern und dem Steinobstzentrum Breitenhof. Ein Blick auf Geschichte und heutigen Alltag.

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Wintersingen mit Kirche und Bauernhäusern unter einem ausgedehnten Rebberg
Wintersingen mit dem Dorfkern und den Rebhängen darüber. Foto: Arkelin · CC BY 4.0.

Wintersingen liegt in einer Talmulde nördlich des Chienbergs. Die Häuser folgen dem Wintersingerbach, über dem Dorf stehen Reben, und am südlichen Eingang erhebt sich eine Kirche mit ungewöhnlichem Grundriss. Mit knapp 600 Einwohnerinnen und Einwohnern ist Wintersingen überschaubar geblieben. Seine Bedeutung reicht aber über die Gemeinde hinaus: Auf dem Breitenhof wird für den Schweizer Steinobstanbau geforscht.

Weinbau, Obstbau und die erhaltene bäuerliche Siedlungsstruktur gehören eng zusammen. Gleichzeitig haben viele ehemalige Wirtschaftsgebäude eine neue Nutzung erhalten. Das macht Wintersingen zu einem interessanten Ort, um den Wandel eines Baselbieter Dorfes zu verstehen – vom Leben und Arbeiten unter einem Dach zu einer ländlichen Wohngemeinde mit regional vernetzten Angeboten.

Wintersingen auf einen Blick

Kanton und BezirkBasel-Landschaft, Bezirk Sissach
Bevölkerung592 Personen · Stand 30. Juni 2026
Gemeindefläche6,95 km²
HöhenGemeindegebiet etwa 370–720 m ü. M.; Kirche rund 450 m
Postleitzahl4451
Bekannt fürWinkelhakenkirche, Rebbau und Steinobstzentrum Breitenhof
Öffentlicher VerkehrBuslinie 106 nach Sissach
GemeindeverwaltungHauptstrasse 64 · wintersingen.ch

Ein Dorf entlang des Bachs

Wintersingen ist ein Strassendorf: Der historische Kern zieht sich entlang der Hauptstrasse und des Bachs durch das Tal. Oberdorf, Mitteldorf und Unterdorf lassen sich als zusammenhängende Abfolge lesen. Die Kirche liegt erhöht am Oberdorf; weiter talabwärts folgen die übrigen alten Siedlungsteile.

Die Gemeinde grenzt an Nusshof, Sissach, Rickenbach, Buus und Maisprach sowie an Magden im Aargau. Im Süden erreicht ihr Gebiet am Chienberg ungefähr 720 Meter, im Norden beim Iglingerhof sinkt es bis auf etwa 370 Meter ab. Zwischen diesen Punkten liegen nicht nur Wohnhäuser, sondern auch grosse Landwirtschafts- und Waldflächen.

Für die Orientierung sind zwei Richtungen wichtig: Sissach ist der nächstgelegene grössere Bahnanschluss und ein Zentrum für viele Alltagswege. Talwärts öffnet sich die Landschaft dagegen zum Fricktal. Die unmittelbare Umgebung erschliesst sich über Nebenstrassen und Feldwege nach Nusshof, Rickenbach und zu den Höfen ausserhalb des Kerns.

Die Winkelhakenkirche: zwei Flügel statt eines langen Schiffs

Die Kirche von Wintersingen gehört zu den architektonischen Besonderheiten des Baselbiets. Ihr Grundriss ist L-förmig. Zwei etwa gleich grosse Raumflügel treffen im Winkel aufeinander – daher die Bezeichnung Winkelhakenkirche. Diese Form ist in der Schweiz ausgesprochen selten; ein weiteres bekanntes Beispiel steht bei St. Margarethen in Binningen.

Die entscheidende Erweiterung erfolgte 1676. Nach Plänen von Daniel Hartmann entstand unter der Leitung von Jakob Meyer anstelle des früheren Chors ein zusätzlicher Südflügel. Der Umbau schuf einen reformierten Predigtraum, in dem die Gemeinde aus zwei Richtungen auf die gemeinsame Mitte ausgerichtet ist.

Bemerkenswert ist auch die Ausstattung. Der Abendmahlstisch von 1642, die Kanzel, historische Sitzplätze, Glasbilder und zahlreiche Gedenktafeln bewahren viel vom Erscheinungsbild des 17. und 18. Jahrhunderts. Die Kirche ist deshalb nicht nur von aussen interessant. Wer sie besichtigen kann, sollte auch auf die Emporen und die bemalten Fenstereinfassungen achten.

Kirche und historische Häuser im Oberdorf von Wintersingen
Kirche und historischer Dorfkern von Wintersingen, Oktober 2009. Foto: Coronado · CC BY-SA 3.0.

Kirchlich gehört Wintersingen heute zur reformierten Kirchgemeinde Sissach-Wintersingen. Ältere Ortsbeschreibungen nennen noch die selbstständige Verbindung Wintersingen-Nusshof. Die aktuellen Gottesdienste und Besuchsinformationen stehen auf refsissach.ch.

Pfarrhaus und alter Dorfkern

Das Pfarrhaus ist in eine historische Häuserzeile eingebunden. Es entspricht in seiner Grundform einem Baselbieter Bauernhaus, hebt sich aber durch seine Höhe und Grösse ab. Über der Eichentür steht die Jahreszahl 1662, auf die sich die Datierung des Gebäudes stützt.

Mit der Pensionierung der letzten dort wohnenden Pfarrerin ging das Haus Ende 2024 zurück an die Stiftung Kirchengut. Die Kirchgemeinde nutzt die öffentlichen Räume im Erdgeschoss weiterhin als Mieterin. Sie können nach Absprache auch für andere Bedürfnisse gemietet werden. Das stattliche Haus ist damit weiterhin Teil des örtlichen Gemeinschaftslebens.

Im Dorfkern stehen Wohn- und ehemalige Ökonomieteile häufig direkt nebeneinander. Diese Nähe erinnert an eine Zeit, in der Stall, Scheune und Wohnung den Alltag einer Familie gemeinsam bestimmten. Rund um Kirche und Pfarrhaus lässt sich dieses Siedlungsmuster besonders gut erkennen. Auch die alte Pfarrlinde gehört zu den markanten Elementen des Ortsbildes.

Reblagen und das Räbhus Widholde

Die sonnigen Hänge über dem Dorf werden seit Langem für den Weinbau genutzt. Der Weinbauverein Wintersingen besteht seit 1935. Er nennt fünf Reblagen: Einachholde, Roträb und Steiholde, Widholde, Ihegi sowie Neu. Zusammen umfassen sie ungefähr neun Hektaren Rebgebiet; davon sind nach Vereinsangabe rund acht Hektaren bestockt.

Die wichtigsten Sorten sind Blauburgunder und Riesling-Sylvaner. Auf kleineren Flächen stehen unter anderem Chardonnay, Pinot Blanc, Sauvignon Blanc, Regent und Cabernet-Dorsa. Viele Mitglieder liefern ihre Trauben an die Siebe-Dupf Kellerei in Liestal. Andere lassen separat keltern und verkaufen selbst.

Zum Verein gehört das Räbhus Widholde. Es wurde 1971 und 1972 in Fronarbeit gebaut und 1973 eröffnet. Von dort ergibt sich ein weiter Blick auf das Dorf. Das Haus kann für private Anlässe gemietet werden; die Einzelheiten veröffentlicht der Weinbauverein Wintersingen. Es ist somit ein Veranstaltungsort und nicht automatisch eine jederzeit geöffnete Gaststube.

Breitenhof: Forschung für Kirschen, Zwetschgen und andere Obstkulturen

Der Breitenhof ist ein Standort von Agroscope, dem landwirtschaftlichen Forschungszentrum des Bundes. Das Steinobstzentrum verbindet Wintersingen mit Fragestellungen, die Obstbaubetriebe in der ganzen Schweiz beschäftigen: Welche Sorten eignen sich? Wie lassen sich Kulturen zuverlässig anbauen? Welche Anbausysteme und Pflanzenschutzstrategien funktionieren in der Praxis?

Agroscope prüft solche Fragen gemeinsam mit Fachleuten aus Produktion und Beratung. Die Versuchsanlagen sind deshalb Arbeits- und Forschungsflächen. Fachveranstaltungen und Veröffentlichungen vermitteln Ergebnisse; ein Besuch sollte sich an den ausgeschriebenen Angeboten orientieren. Informationen und Berichte sind über Agroscope zugänglich.

Für das Ortsbild ist dieser Zusammenhang aufschlussreich: Obstbau bedeutet hier sowohl traditionelle Kulturlandschaft als auch laufende Forschung an zukünftigen Produktionsweisen. Wintersingen ist damit mehr als ein Weinbaudorf mit schönen Hängen.

Geschichte zwischen Farnsburg und Strukturwandel

Die Gemeinde führt ihre erste urkundliche Erwähnung auf 1196 zurück. Die Umgebung war jedoch früher besiedelt; auf dem Breitfeld sind Spuren eines römischen Gutshofs bekannt. Im Mittelalter lag Wintersingen im Einflussbereich der Grafen von Thierstein und später der Herrschaft Farnsburg.

Mit deren Verkauf kam das Dorf 1461 an Basel. Es gehörte zum Farnsburgeramt und erlebte später mehrere Wechsel der Verwaltungseinteilung. Seit 1832 zählt Wintersingen zum Bezirk Sissach. Eine frühere Besonderheit am nördlichen Rand war das Klösterchen Iglingen: Das Gebiet kam 1894 zu Magden und gehört heute somit zum Aargau.

Landwirtschaft und Rebbau wurden durch Seidenbandweberei ergänzt. Wie in vielen Baselbieter Dörfern verband die Heimarbeit örtliche Haushalte mit einer städtisch organisierten Wirtschaft. Nach 1945 entstanden neue Wohnhäuser an den Hängen ausserhalb des alten Kerns.

Besonders stark veränderte die Felderregulierung von 1974 bis 1999 die landwirtschaftliche Organisation. Die Betriebe wurden aus dem Dorfkern ausgesiedelt. Zurück blieben Gebäude, für die neue Nutzungen gesucht wurden, häufig als Wohnraum. Zugleich gelangten Hecken, Bachufer und Waldränder in öffentliche Hand, um wertvolle Lebensräume zu erhalten. Das heutige Nebeneinander von alten Häusern im Dorf und Höfen in der Landschaft ist damit erklärbar.

Kindergarten und Primarschule mit Nusshof

Wintersingen und Nusshof führen gemeinsam Kindergarten und Primarschule. Beide Schulangebote liegen in Wintersingen. Der Kindergarten Rialto befindet sich an der Hauptstrasse 66, die Primarschule an der Hauptstrasse 85.

Seit Juli 2010 werden die Primarschulkinder beider Gemeinden gemeinsam unterrichtet. Die Schule arbeitet mit Mehrjahrgangsklassen: erste und zweite, dritte und vierte sowie fünfte und sechste Klasse bilden jeweils eine Gruppe. Unterricht wie Werken, Turnen und musikalischer Grundkurs findet auch in der Mehrzweckhalle statt.

Für Familien bündelt die Gemeinde die aktuellen Angaben unter Kindergarten und Primarschule. Das Schulsekretariat wird seit Oktober 2023 durch die Gemeindeverwaltung Wintersingen geführt. Damit liegen mehrere wichtige Anlaufstellen räumlich nahe beieinander.

Schulhaus Wintersingen zwischen historischen Dorfgebäuden
Das Schulhaus im Dorfzentrum von Wintersingen, Mai 2013. Foto: Roland Zumbuehl · CC BY 3.0.

Vereine und Alltag

Zum Dorfleben gehören Turn- und Sportangebote, der gemischte Chor, die Feldschützen, der Frauenverein und die Fasnachtsgesellschaft. Die Räblüs und Räbäschränzer pflegen unter anderem Strassenfasnacht, Kinderfasnacht und Fasnachtsfeuer. Das aktuelle Programm sollte dem Veranstaltungskalender entnommen werden, denn nicht jeder Anlass findet jedes Jahr in derselben Form statt.

Der Frauenverein übernimmt neben geselligen Anlässen auch praktische Aufgaben. Dazu zählen Besuche, ein Fahrdienst und Aktivitäten für ältere Menschen. Solche Angebote sind gerade in einem kleinen Dorf wichtig, in dem nicht alle Wege ohne Unterstützung einfach zu bewältigen sind. Das Vereinsverzeichnis nennt die jeweiligen Kontakte.

Die Verwaltung an der Hauptstrasse 64 betreut auch Dienstleistungen für die Nachbargemeinde Nusshof. Wer einen Schalterbesuch plant, sollte die aktuellen Öffnungszeiten prüfen. Das Gmeiniblättli und die Gemeindewebsite sind die wichtigsten Quellen für örtliche Termine, Entsorgung und Mitteilungen.

Anreise und ein erster Rundgang

Die Buslinie 106 verbindet Wintersingen mit Sissach und damit mit dem Bahnnetz. Im Dorf gibt es mehrere Haltestellen, darunter Unterdorf und Oberdorf. Für einen ersten Besuch bietet sich ein Gang entlang des historischen Kerns an: vom Unterdorf über die Hauptstrasse zum Bereich von Pfarrhaus und Kirche.

Wer anschliessend zu den Rebwegen hinaufgeht, gewinnt einen anderen Blick auf die Siedlung. Dabei sind die Hänge landwirtschaftlich genutzt. Die Wege bleiben frei zugängliche Verbindungen, während Rebparzellen und Hofbereiche keine allgemeinen Picknickflächen sind. Eine längere Wanderung in Richtung Nusshof oder über die Jurahöhen sollte mit einer aktuellen Karte geplant werden.

Bushaltestelle Wintersingen Unterdorf an der Linie 106
Haltestelle Wintersingen Unterdorf mit Sitzbank und Briefkasten, Mai 2026. Foto: Zwantzig · CC BY-SA 4.0.

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Häufige Fragen zu Wintersingen

Was ist an der Kirche besonders?

Sie besitzt einen L-förmigen Winkelhakengrundriss und eine ungewöhnlich vollständig erhaltene historische Ausstattung. Der prägende Winkelanbau entstand 1676.

Was wird auf dem Breitenhof gemacht?

Agroscope betreibt dort ein Steinobstzentrum. Es dient der praxisnahen Forschung, etwa zu Sorten, Anbausystemen und Pflanzenschutz.

Wo gehen die Kinder aus Nusshof zur Schule?

Sie besuchen zusammen mit den Kindern aus Wintersingen den Kindergarten und die Primarschule in Wintersingen. Die beiden Gemeinden führen eine gemeinsame Kreisschule.

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Quellen und weiterführende Informationen

Redaktioneller Stand: Oktober 2026. Die Bildnachweise stehen bei den einzelnen Fotografien.